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== 1. Bewertung und Verantwortung im Kontext von Technik in planetaren Krisen – eine Auseinandersetzung mit der Technikphilosophie ==
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== Bewertung und Verantwortung im Kontext von Technik in planetaren Krisen – eine Auseinandersetzung mit der Technikphilosophie ==
=== 1.1 Einführung in die Technikphilosophie ===
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=== 1. Einführung in die Technikphilosophie ===
Der ursprünglich aus dem Griechischen stammende Begriff τέχνη (gr. téchne) verweist auf „Kunst, Kunstfertigkeit, Geschick, Handwerk, Gewerbe“ (dwds, 2025, ‚Technik‘); im Verlauf der europäischen Ideengeschichte hat sich jedoch eine weite und eine engere Begriffsbestimmung etabliert:
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Der ursprünglich aus dem Griechischen stammende Begriff τέχνη (gr. ''téchne'') verweist auf „Kunst, Kunstfertigkeit, Geschick, Handwerk, Gewerbe“ (dwds, 2025, ‚Technik‘); im Verlauf der europäischen Ideengeschichte hat sich jedoch eine weite und eine engere Begriffsbestimmung etabliert:
<small>„Die weitere Bedeutung von Technik, die alles menschliche Tun in einer Welt umfasst, steht dem engeren Verständnis gegenüber, nach dem Technik ein auf wissenschaftlichem Verständnis der Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten in Analyse und Synthese beruhendes Handeln ist.“ (Rehfus, 2003, S. 639)</small>
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„Die weitere Bedeutung von Technik, die alles menschliche Tun in einer Welt umfasst, steht dem engeren Verständnis gegenüber, nach dem Technik ein auf wissenschaftlichem Verständnis der Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten in Analyse und Synthese beruhendes Handeln ist.“ (Rehfus, 2003, S. 639)
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‚Technik‘ definiert sich durch ein „zielgerichtetes Machen“ (ebd., S. 639) und ist des Weiteren in ihrer Einteilung wie folgt zu verstehen (Abb.1):
 
‚Technik‘ definiert sich durch ein „zielgerichtetes Machen“ (ebd., S. 639) und ist des Weiteren in ihrer Einteilung wie folgt zu verstehen (Abb.1):
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Der Begriff wird aus seiner ursprünglichen Bedeutung heraus erweitert und erfährt eine Unterteilung in eine enge und weite Begriffsdefinition. Durch die Weiterentwicklung der Wissenschaften entstehen stetig neue Möglichkeiten zur Nutzung dieser Errungenschaften. Mit diesen erweiterten Funktionen – den sich durch technische Neuerungen auftuenden Möglichkeiten – vergrößert sich auch der Wirklichkeitsbereich der Wissenschaft, sodass nicht nur die biologische Umwelt, sondern auch Eingriffe in den Körper und die Psyche des Menschen möglich sind – der Bereich der Technik wird stetig immaterieller, wodurch der ‚enge Technikbegriff‘ auch anwendbar auf Bereiche wird, die dem ‚weiten Technikbegriff‘ angehören (vgl. Rehfus, S. 640). So sind beispielsweise Entwicklungen von der Erzeugung von kleinen Stromstößen bis zur Erfindung des Defibrillators zu nennen. Erste Entwicklungen der philosophischen Betrachtung von Technik sind ab dem 19. Jahrhundert zu verbuchen und werden im 20. Jahrhundert vorangetrieben (vgl. Nordmann, 2008, S. 9). Doch trotz dieser Bestrebungen ist nicht nur die Entwicklung eines dezidierten philosophischen Technik-Begriffs vonnöten, sondern auch die eines philosophischen Untersuchungsbereiches per se.
Der Begriff wird aus seiner ursprünglichen Bedeutung heraus erweitert und erfährt eine Unterteilung in eine enge und weite Begriffsdefinition. Durch die Weiterentwicklung der Wissenschaften entstehen stetig neue Möglichkeiten zur Nutzung dieser Errungenschaften. Mit diesen erweiterten Funktionen – den sich durch technische Neuerungen aufteuenden Möglichkeiten – vergrößert sich auch der Wirklichkeitsbereich der Wissenschaft, sodass nicht nur die biologische Umwelt, sondern auch Eingriffe in den Körper und die Psyche des Menschen möglich sind – der Bereich der Technik wird stetig immaterieller, wodurch der ‚enge Technikbegriff‘ auch anwendbar auf Bereiche wird, die dem ‚weiten Technikbegriff‘ angehören (vgl. Rehfus, S. 640). So sind beispielsweise Entwicklungen von der Erzeugung von kleinen Stromstößen bis zur Erfindung des Defibrillators zu nennen. Erste Entwicklungen der philosophsichen Betrachtung von Technik sind ab dem 19. Jahrhundert zu verbuchen und werden im 20. Jahrundert vorangetrieben (vgl. Nordmann, 2008, S. 9). Doch trotz dieser Bestrebungen ist nicht nur die Entwicklung eines dezidierten philosophischen Technik-Begriffs vonnöten, sondern auch die eines philosophischen Untersuchungsbereiches per se.
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„Technik kann deshalb definiert werden als das Gesamt und die Einzelmomente der Theorie und der Wirklichkeit von Gegenständen und Verfahren, die als Mittel zur Erfüllung individueller und gesellschaftlicher Bedürfnisse und Zwecke durch konstruktive Leistung im Rahmen der Naturgesetze geschaffen werden und insgesamt weitgestaltend wirken.“ (Rehfus, 2003, S. 640)
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Diesen Entwicklungen widmet sich darauf basierend eine dezidierte Technikphilosophie, welche sich „Technik phänomenologisch-hermeneutisch oder analytisch oder systemtheoretisch“ (ebd. S. 640) zum Gegenstand macht. Dabei gilt die Grundvoraussetzung, dass bereits bestehende Überlegungen und Ansätze – wie beispielsweise die der Natur- und Geschichtsphilosophie – betrachtet werden müssen (vgl. Nordmann, 2008, S. 10); zudem sollen Fragen aus den Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften herausgearbeitet, in ein Verhältnis gesetzt und in technikphilosophische Fragen integriert werden. Technikphilosophische Fragestellungen könnten wie beispielhaft dargestellt u.a. in folgende Disziplinen integriert werden:
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* '''Ethik''': moralische Pflichten durch technisches Handeln; Neben-/Nachfolgen technischer Entwicklungen
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* '''Geschichtsphilosophie''': Verlauf von Technik in der Menschheitsgeschichte; Gegenüberstellung von technischem Fortschritt und historischem Fortschritt
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* '''Kulturwissenschaften''': Prägungen von Identität durch Technik, Veränderung der Wahrnehmung von Körper/Gender/… durch Technik
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* '''Naturphilosophie''': Verhältnis von Mensch und Natur
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* '''Naturwissenschaften''': Grenzen zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und technologischer Anwendung; naturwissenschaftliche Risiken im Umgang mit Technik
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* '''Politikwissenschaften''': Beeinflussung von Macht/Demokratie/… durch Technik; Konfliktentstehung/-förderung durch Technik
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* '''Psychologie''': Interaktion von Mensch und Maschine
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* '''Rechtswissenschaften''': KI-Regulierungen; Menschenrechte vs. ‚Roboterrechte‘
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* '''Soziologie''': Beeinflussung sozialer Praktiken/Strukturen durch Technik, Handlungsorganisation von Mensch und Technik
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* '''Technik-/Ingenieurwissenschaften''': verantwortungsvolle (nachhaltige/inklusive/… Entwicklung von Technik)
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* '''Wirtschaftswissenschaften''': Automatisierung und Arbeitsmarkt
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Die noch junge Technikphilosophie steht also vor dem Problem, sich (noch) nicht auf eine reiche Tradition berufen zu können, zudem fehlt ihr ein klar definierter Gegenstand und folglich unmittelbar anwendbare Theorien und Methoden (und die dazugehörenden Fragestellungen) (vgl. Nordmann, 2008, S. 11). Kurz: Das Problem der jungen Technikphilosophie ist, wie Böhme schreibt, dass es noch keine Technikphilosophie gibt und diese erst entwickelt werden muss (vgl. Böhme, 2008, S. 23–36).
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Im Folgenden sollen die vielfältigen Facetten von Technikphilosophie exemplarisch anhand der Ansätze von Anders und Jonas, Haraway und Latour sowie Grunwald dargelegt werden.
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=== 2. Klassische Positionen der Technikphilosophie nach Anders und Jonas ===
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Hans Jonas‘ Lebenswerk wird als die „Idee und […] die Anwendung einer Zukunftsethik“ (Jonas, 2015, S. VII) bezeichnet, an welcher er bis zu seinem Tod weitergearbeitet hat. Er schlägt in seinen Werken eine politisch-ethische Richtung ein und fokussiert sich dabei auf „die enorme Folgenmacht und Verdinglichungstendenz der Technologie“ (ebd. S. XVII). Schon in den 1960ern richtet er seinen Blick „auf die ethischen Probleme der modernen Technologie“ (ebd. S. XIX) und so sieht er sich in der Rolle „nicht nur kommentierend, sondern eventuell sogar vorschreibend oder warnend zu aktuellen praktischen Angelegenheiten Stellung zu nehmen“ (ebd. S. XIX), da sich die Rolle und die Funktion von Technik schon zu Zeiten der Entstehung des Werkes stark ändert. Dieser Wandel wird wie folgt beschrieben:
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„Seine Beurteilung der technologischen Entwicklung geht von einer anfänglich naiven Technikgläubigkeit […] zu der Befürchtung über, daß in die technologische Zivilisation geradezu eine Zeitbombe eingebaut sei. Deren »weiter so« stellt die Permanenz menschlichen Lebens auf Erden in Frage.“ (ebd. S. XXI)
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Seine Hauptkritik bezieht sich auf „die Ambivalenz des neuzeitlichen Prometheus-Motivs, worin die motivationale Zerrissenheit des technologischen Zeitalters zum Ausdruck kommt“ (ebd. S. XXV); dieses Motiv stellt den modernen Menschen als modernen Prometheus dar, welcher zwar durch Technik mächtig, aber auch moralisch überfordert ist. Ein weiterer Teil seiner Hauptkritik bezieht sich auf die „Zweck-Mittel-Vertauschung“ (ebd. S. XXVIII) und bezieht sich auf Technik, insofern diese als Ideologie verstanden, aufgefasst oder interpretiert wird – da dies zu einem veränderten Verständnis und einer veränderten Funktion von Wissen führt (so beispielsweise die Nutzung des Smartphones, welches nicht mehr Mittel ist, um einen Zweck zu erreichen, sondern selbst zum Mittel geworden ist). Eine Einstellung, die Jonas folglich wahren möchte, ist die kritische und reflexive Einstellung zum Fortschrittsdenken sowie eine erkenntnisphilosophische Distanz zum eben benannten Fortschrittsdenken, zur Technologie und zu deren Fortschritt sowie zum Seinsverhältnis des Menschen. Die darin liegende Entwicklungstendenz von Geist und Freiheit ist außerdem in diese Betrachtungen einzubeziehen – wodurch sich unter anderem ein Spannungsverhältnis zum Philosophen Ernst Bloch (Prinzip der Hoffnung) und seinem Utopie-Gedanken ergibt (vgl. ebd. S. XXVIII–XXIX).
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Günther Anders hingegen wählt in seiner Philosophie die „Methode der Übertreibung“ (Nordmann, 2008, S. 19 und vgl. Anders, 2018a, S. 27f., 31–33). Anders, ein nonmetaphysischer Phänomenologe, hält
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„dem herrschenden Bewußtsein des technologischen Zeitalters insgesamt praktischen Nihilismus und »Apokalypse-Blindheit« vor: Blindheit unseres Vorstellungsvermögens, Taubheit unseres Gewissens, Unfähigkeit zur Selbsteinholung in dem überwältigenden Universum der technischen Dinge“ (Jonas, 2015, S. XXVI)
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vor. Diese Kritik Anders‘ ähnelt der Kritik Jonas‘ an der „»utopische[n]« Dynamik technischen Fortschritts“ (ebd. S. 57). Er beschreibt, dass Menschen schon allein durch den „Konsumzwang[…]“ (Anders, 2018a, S. 14) nicht frei seien – wir leiden an einem Phantomkonsum, hervorgerufen durch eine „Ikonomanie“ (ebd. S. 16), also dem Bedürfnis des (schaffenden) Subjekts, sich an Herstellungen (technischen Neuerungen) zu klammern. Zusammenfassend stellt er fest, dass das Problem mit der Technik nunmehr kein Problem mit der Herstellung, sondern zu einem Problem mit dem (End-)Produkt selbst geworden ist (vgl. ebd. S. 17–19). Ihn beschäftigt nicht, was Menschen mit der Technik machen, „sondern was die Technik aus uns gemacht hat, macht und machen wird, noch ehe wir irgendetwas aus ihr machen können“ (ebd. S. 20). Dadurch lassen sich Parallelen zur Prometheus-Utopie Hans Jonas‘ (siehe oben: der Technik mächtig, aber moralisch überfordert) erkennen. In dem Sinne spricht Anders von einer „Metamorphose[…] der Seele“ (ebd. S. 28). Die Metamorphose der Seele bedeutet, dass nicht nur unsere Umwelt sich durch Technik verändert, sondern auch der Mensch sich durch diese – insbesondere in seinem innerem Erleben, also moralisch und emotional – verändert. Der ständig wachsende Abstand der Verbundenheit des Menschen und ‚seiner‘ Produkte wird von ihm als „prometheische[s] Gefälle“ (ebd. S. 29) benannt – welches durch die Diskrepanz von technischen Möglichkeiten und moralischer Verantwortung des Menschen deutlich wird (und welches sich auch als Gefälle des Produktionsverhältnisses bei Marx zeigt). Die Aushebung „der Grenzen seiner Vermögen“ (ebd. S. 30) – die Überschreitungen des dem Menschen möglichen – scheint dabei die oberste Frage der Menschen zu sein.
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Anders beschreibt ein modernes Schamgefühl, welches durch die hohe Qualität der selbsterzeugten Dinge entsteht, da diese eine bessere Qualität haben als man selbst und besser funktionieren als man selbst (vgl. ebd. S. 37). Diese Scham paart sich für Anders mit einer „Apokalypse-Blindheit“ (ebd. S. 265), die für ihn die Unfähigkeit beschreibt, ein in Technologie eingebettetes Ende menschlicher Existenz zu begreifen. Auch wenn Anders dies mit Bezug auf die Entwicklung und den Einsatz der Atombombe formuliert, bezieht sich die Apokalypse-Blindheit auch auf unsere Gegenwart: zwar haben wir in manchen Feldern (Nutzung der Atombombe) unsere Apokalypse-Blindheit in Teilen ablegen können, doch besteht sie auch noch weiterhin in anderen Bereichen, wie etwa in Bezug auf die Klimakrise. Daher fordert Anders dazu auf, das Verhältnis von Mensch und Maschine oder besser Hersteller und Hergestelltem oder Produzent und Produkt neu gedacht und thematisiert werden muss (vgl. ebd. S. 307–309). Durch unseren Gebrauch der Dinge sind wir, nach Anders, dazu verpflichtet, unser Handeln und Begriffe wie Täter, Tat und Effekt neu zu denken, denn jeder „hat diejenigen Prinzipien, die das Ding hat, das er hat“ (ebd. S. 329) – ein Gedanke, der sich auch in Jonas‘ Zweck-Mittel-Verschiebung finden lässt. Die bestehenden (und in den letzten Jahrzehnten veränderten) Verhältnisse müssen neu gedacht werden – denn durch den Fortschritt hat sich unser Bewusstsein stark verändert; auch unsere Moral, was eine Neuschaffung ethischer Grundlagen zur Folge hat. Die „Menschen als Individuen als auch die Menschheit als Ganze“ (Anders, 2018b, S. 9) hat sich durch den Fortschritt, durch die Technik, stark geändert.
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Aus beiden Philosophien lässt sich festhalten, dass man eine Zweck-Mittel-Verschiebung beobachten kann. Technik an sich hat einen ‚unschuldigen Zweck‘, welcher durch das in ihr liegende Potential durch den Menschen überschritten und missbraucht wird.
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=== 3. Neuere Positionen der Technikphilosophie: Ambivalente Perspektive nach Haraway und Latour ===
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In A Cyborg Manifesto rückt Donna Haraway die Koexistenz und (soziale) Verantwortung statt des Herrschens und Unterwerfens in den Fokus technikbezogener Kritik. Am Beispiel des Cyborgs erfolgt eine Neuverhandlung von Identitäten, indem anhand des Mischwesens aus Maschine und Mensch dargestellt wird, inwiefern Technik immer größere Teile unseres Lebens beeinflusst. Sie verdeutlicht, dass wir uns nicht mehr aus diesen Verhältnissen flüchten können und einen Weg finden müssen, mit diesen neuen Bedingungen umzugehen (vgl. Pohl, 2018, S. 9–11) und diese in unsere soziale Wirklichkeit zu integrieren. Durch das Beispiel lässt sich, im Kontrast zu Jonas und Anders, Technik nicht mehr als ein Äußeres begreifen, welches der Menschheit helfend oder bedrohend gegenüber steht. Haraway gibt mit ihrem Werk insbesondere intersektionelle Anschlussmöglichkeiten für die Aushandlung des Mensch-Technik-Verständnisses (vgl. ebd. S. 14) und diskutiert basale Gegebenheiten und Möglichkeiten für die Aushandlung moralischer Grundlagen für eine neue (mehr-als-nur-menschliche) Gesellschaft (vgl. ebd. S. 24). Die intersektionellen Anschlussmöglichkeiten ergeben sich durch Haraways verschränkte Betrachtung von Mensch und Technik in Verbindung mit beispielsweise Macht-, Körper- und Identitätsordnungen, wodurch sie sich später auch mit der von Latour angestrebten Neudefinition des ‚Sozialen‘ verknüpfen lässt.
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Auch Bruno Latour strebt in seinem Werk Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft eine Neudefinition für den Begriff ‚sozial‘ an, womit er die Zielsetzung der Soziologie um die technische Dimension erweitert wissen will (vgl. Latour, 2019, S. 9f.), wodurch sich ebenso Überlegungen zum Zusammen-‚leben‘ von Mensch und Maschine ableiten lassen. Vor diesem Hintergrund stellt unter anderem die von ihm entwickelte Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) eine begrifflich-methodische Darstellungsmöglichkeit dar, die insbesondere im Feld der Science and Technology Studies Anklang findet (vgl. ebd. S. 24). Die ANT bewegt den Fokus weg von festen Subjekt-Objekt-Beziehungen hin zu dynamischen Netzwerken, in denen alle Akteur*innen – menschliche wie nicht-menschliche – durch ihre Interaktionen soziale Prozesse bewirken. Damit ermöglicht sie vor allem zu erfassen, wie eine Handlung entsteht (durch ein Netzwerk von Akteur*innen; durch Menschen und Dinge), wodurch sie sich von den Menschen fokussierenden Sozialtheorien unterscheidet (vgl. ebd. S. 244–271). Bezogen auf Technik bedeutet das, dass die beiden Fragen von Anders – was machen Menschen mit Technik und was macht Technik mit Menschen – nicht getrennt, sondern als dynamischer Prozess netzwerkhafter Strukturen begriffen werden können. Infolgedessen wird eine Definition des Begriffes ‚sozial‘ notwendig, welcher jedoch aufgrund der vielfältigen Verflechtungen überaus schwer zu fassen ist und wodurch sich weitere Fragen – beispielsweise nach dem ‚Kollektiv‘ – auftun (vgl. ebd. S. 275–285).
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Haraway und Latour gleichen sich dahingehend, dass sie bestehende Hierarchien auflösen und neu denken wollen. In beiden Philosophien besteht die Wirklichkeit aus einer Verbindung verschiedener Wesen bzw. Akteur*innen und nicht-menschlichen Akteur*innen. ‚Technik‘ ist in beiden Fällen eine Akteurin in diesem Netzwerk wodurch unser Verständnis von Verantwortung neugestaltet werden muss. Haraway geht bei ihrem Vorhaben dabei eher normativ vor, Latour deskriptiv; zudem legt sie eher einen Fokus auf Körper und Identität, Latour hingegen eher auf Handlung (beziehungsweise die Verknüpfung dieser) – dadurch erhält Technik im Sinne Haraways eine Funktion als identitätsbildendes Hilfsmittel des Menschen, im Sinne Latours eher als Mittel zur (Handlungs-)Macht.
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=== 4. Technikfolgenabschätzung und Technikphilosophie ===
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Armin Grunwald macht in seiner Philosophie auf „Probleme mit Technik und Technisierung zwischen Wirtschaft, Öffentlichkeit und Politik“ (Grunwald, 2010, S. 19) aufmerksam. Mit Technik wurde (beginnend ab Ende des zweiten Weltkrieges) ein Fortschrittsoptimismus verbunden – Technik macht uns das Leben leichter und nimmt uns schwere körperliche (und mittlerweile auch geistige) Aufgaben ab (vgl. ebd. S. 21). Neben diesen Vorteilen hat Technik jedoch auch gewisse Schattenseiten, so Grunwald, denn zunächst Stand der Aufwand der Herstellung der Technik in keinem guten Verhältnis zu deren tatsächlichen Nutzen (vgl. ebd. S. 23) und es wurde „angenommen, dass der technische Fortschritt selbst der Schlüssel zur Lösung aller Technikfolgenprobleme sei“ (ebd. S. 24). Die Probleme, die Technik mit sich bringt, sind vielseitig und komplex, wie anhand von Anders und Jonas bereits dargestellt wird und reichen von den Auswirkungen auf die Umwelt bis zur unerwünschten Nutzung (ebd. S. 25, 34ff.). Technik existiert nach Grunwald folglich in Spannungsfeldern, welche sich durch diverse „Orientierungsprobleme und Fragen“ (ebd. S. 41) zeigen. Durch diese Differenzen entstand schließlich der Begriff der ‚Technikfolgenabschätzung‘, „als wissenschaftliche[r] Ansatz, um Gesellschaft und Politik in der Bewältigung dieser Spannungen durch Folgenreflexion in Bezug auf weiteren technischen Fortschritt zu unterstützen“ (ebd. S. 65f.) und bezieht dabei verschiedenste Einflüsse und andere Faktoren in ihre Betrachtungen mit ein. Grunwald betont, dass eine „Theorie der Technikfolgenabschätzung […] bislang nicht vor[liegt]“ (ebd. S. 273) und auch eher selten mit dem Theoriebegriff in Verbindung gebracht wird (vgl. ebd. S. 273).
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=== 5. Abschlussbetrachtung===
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Die hier (kurz) betrachteten Perspektiven zeigen deutlich, dass die Frage nach der ‚Technik‘ stets auch eine Frage nach dem Verhältnis ebendieser zum Menschen, der Welt und der Verantwortung ist. Die Ansätze thematisieren ähnliche Problematiken: ethische und existentielle Bedeutung der Technologie, des technologischen Fortschritts und damit einhergehend der technologischen Macht. Anders und Jonas weisen mit ihren Schriften auf unsere Pflicht zur moralischen Verantwortung hin – denn technischer Fortschritt ohne ethische Reflexion führt zur Selbstgefährdung des Menschen. Haraway und Latour setzen Technik in ein Netz von und mit verschiedenen Akteur*innen und erweitern so das Verständnis der notwendigen Verantwortung in diesem Beziehungsnetz. Grunwald konkretisiert anhand der Technikfolgenabschätzung die Notwendigkeit der Verantwortungsübernahme und weist stark auf die negativen Seiten von Technik und dem Verhältnis zu ihrem Nutzen hin.
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Trotz der verschiedenen Perspektiven ist der Hauptgedanke klar: Technik sollte nicht ohne kritische Reflexion, gesellschaftliche Aushandlung und ethische Verantwortung bedingungslos genutzt werden, da Technik sonst zu einer Gefahr für uns und den Planeten beziehungsweise dessen Ressourcen wird.

Aktuelle Version vom 13. Juni 2026, 11:28 Uhr

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Bewertung und Verantwortung im Kontext von Technik in planetaren Krisen – eine Auseinandersetzung mit der Technikphilosophie

1. Einführung in die Technikphilosophie

Der ursprünglich aus dem Griechischen stammende Begriff τέχνη (gr. téchne) verweist auf „Kunst, Kunstfertigkeit, Geschick, Handwerk, Gewerbe“ (dwds, 2025, ‚Technik‘); im Verlauf der europäischen Ideengeschichte hat sich jedoch eine weite und eine engere Begriffsbestimmung etabliert:

„Die weitere Bedeutung von Technik, die alles menschliche Tun in einer Welt umfasst, steht dem engeren Verständnis gegenüber, nach dem Technik ein auf wissenschaftlichem Verständnis der Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten in Analyse und Synthese beruhendes Handeln ist.“ (Rehfus, 2003, S. 639)

‚Technik‘ definiert sich durch ein „zielgerichtetes Machen“ (ebd., S. 639) und ist des Weiteren in ihrer Einteilung wie folgt zu verstehen (Abb.1):

BILD?

Der Begriff wird aus seiner ursprünglichen Bedeutung heraus erweitert und erfährt eine Unterteilung in eine enge und weite Begriffsdefinition. Durch die Weiterentwicklung der Wissenschaften entstehen stetig neue Möglichkeiten zur Nutzung dieser Errungenschaften. Mit diesen erweiterten Funktionen – den sich durch technische Neuerungen auftuenden Möglichkeiten – vergrößert sich auch der Wirklichkeitsbereich der Wissenschaft, sodass nicht nur die biologische Umwelt, sondern auch Eingriffe in den Körper und die Psyche des Menschen möglich sind – der Bereich der Technik wird stetig immaterieller, wodurch der ‚enge Technikbegriff‘ auch anwendbar auf Bereiche wird, die dem ‚weiten Technikbegriff‘ angehören (vgl. Rehfus, S. 640). So sind beispielsweise Entwicklungen von der Erzeugung von kleinen Stromstößen bis zur Erfindung des Defibrillators zu nennen. Erste Entwicklungen der philosophischen Betrachtung von Technik sind ab dem 19. Jahrhundert zu verbuchen und werden im 20. Jahrhundert vorangetrieben (vgl. Nordmann, 2008, S. 9). Doch trotz dieser Bestrebungen ist nicht nur die Entwicklung eines dezidierten philosophischen Technik-Begriffs vonnöten, sondern auch die eines philosophischen Untersuchungsbereiches per se.

„Technik kann deshalb definiert werden als das Gesamt und die Einzelmomente der Theorie und der Wirklichkeit von Gegenständen und Verfahren, die als Mittel zur Erfüllung individueller und gesellschaftlicher Bedürfnisse und Zwecke durch konstruktive Leistung im Rahmen der Naturgesetze geschaffen werden und insgesamt weitgestaltend wirken.“ (Rehfus, 2003, S. 640)

Diesen Entwicklungen widmet sich darauf basierend eine dezidierte Technikphilosophie, welche sich „Technik phänomenologisch-hermeneutisch oder analytisch oder systemtheoretisch“ (ebd. S. 640) zum Gegenstand macht. Dabei gilt die Grundvoraussetzung, dass bereits bestehende Überlegungen und Ansätze – wie beispielsweise die der Natur- und Geschichtsphilosophie – betrachtet werden müssen (vgl. Nordmann, 2008, S. 10); zudem sollen Fragen aus den Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften herausgearbeitet, in ein Verhältnis gesetzt und in technikphilosophische Fragen integriert werden. Technikphilosophische Fragestellungen könnten wie beispielhaft dargestellt u.a. in folgende Disziplinen integriert werden:

  • Ethik: moralische Pflichten durch technisches Handeln; Neben-/Nachfolgen technischer Entwicklungen
  • Geschichtsphilosophie: Verlauf von Technik in der Menschheitsgeschichte; Gegenüberstellung von technischem Fortschritt und historischem Fortschritt
  • Kulturwissenschaften: Prägungen von Identität durch Technik, Veränderung der Wahrnehmung von Körper/Gender/… durch Technik
  • Naturphilosophie: Verhältnis von Mensch und Natur
  • Naturwissenschaften: Grenzen zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und technologischer Anwendung; naturwissenschaftliche Risiken im Umgang mit Technik
  • Politikwissenschaften: Beeinflussung von Macht/Demokratie/… durch Technik; Konfliktentstehung/-förderung durch Technik
  • Psychologie: Interaktion von Mensch und Maschine
  • Rechtswissenschaften: KI-Regulierungen; Menschenrechte vs. ‚Roboterrechte‘
  • Soziologie: Beeinflussung sozialer Praktiken/Strukturen durch Technik, Handlungsorganisation von Mensch und Technik
  • Technik-/Ingenieurwissenschaften: verantwortungsvolle (nachhaltige/inklusive/… Entwicklung von Technik)
  • Wirtschaftswissenschaften: Automatisierung und Arbeitsmarkt


Die noch junge Technikphilosophie steht also vor dem Problem, sich (noch) nicht auf eine reiche Tradition berufen zu können, zudem fehlt ihr ein klar definierter Gegenstand und folglich unmittelbar anwendbare Theorien und Methoden (und die dazugehörenden Fragestellungen) (vgl. Nordmann, 2008, S. 11). Kurz: Das Problem der jungen Technikphilosophie ist, wie Böhme schreibt, dass es noch keine Technikphilosophie gibt und diese erst entwickelt werden muss (vgl. Böhme, 2008, S. 23–36).

Im Folgenden sollen die vielfältigen Facetten von Technikphilosophie exemplarisch anhand der Ansätze von Anders und Jonas, Haraway und Latour sowie Grunwald dargelegt werden.

2. Klassische Positionen der Technikphilosophie nach Anders und Jonas

Hans Jonas‘ Lebenswerk wird als die „Idee und […] die Anwendung einer Zukunftsethik“ (Jonas, 2015, S. VII) bezeichnet, an welcher er bis zu seinem Tod weitergearbeitet hat. Er schlägt in seinen Werken eine politisch-ethische Richtung ein und fokussiert sich dabei auf „die enorme Folgenmacht und Verdinglichungstendenz der Technologie“ (ebd. S. XVII). Schon in den 1960ern richtet er seinen Blick „auf die ethischen Probleme der modernen Technologie“ (ebd. S. XIX) und so sieht er sich in der Rolle „nicht nur kommentierend, sondern eventuell sogar vorschreibend oder warnend zu aktuellen praktischen Angelegenheiten Stellung zu nehmen“ (ebd. S. XIX), da sich die Rolle und die Funktion von Technik schon zu Zeiten der Entstehung des Werkes stark ändert. Dieser Wandel wird wie folgt beschrieben:

„Seine Beurteilung der technologischen Entwicklung geht von einer anfänglich naiven Technikgläubigkeit […] zu der Befürchtung über, daß in die technologische Zivilisation geradezu eine Zeitbombe eingebaut sei. Deren »weiter so« stellt die Permanenz menschlichen Lebens auf Erden in Frage.“ (ebd. S. XXI)

Seine Hauptkritik bezieht sich auf „die Ambivalenz des neuzeitlichen Prometheus-Motivs, worin die motivationale Zerrissenheit des technologischen Zeitalters zum Ausdruck kommt“ (ebd. S. XXV); dieses Motiv stellt den modernen Menschen als modernen Prometheus dar, welcher zwar durch Technik mächtig, aber auch moralisch überfordert ist. Ein weiterer Teil seiner Hauptkritik bezieht sich auf die „Zweck-Mittel-Vertauschung“ (ebd. S. XXVIII) und bezieht sich auf Technik, insofern diese als Ideologie verstanden, aufgefasst oder interpretiert wird – da dies zu einem veränderten Verständnis und einer veränderten Funktion von Wissen führt (so beispielsweise die Nutzung des Smartphones, welches nicht mehr Mittel ist, um einen Zweck zu erreichen, sondern selbst zum Mittel geworden ist). Eine Einstellung, die Jonas folglich wahren möchte, ist die kritische und reflexive Einstellung zum Fortschrittsdenken sowie eine erkenntnisphilosophische Distanz zum eben benannten Fortschrittsdenken, zur Technologie und zu deren Fortschritt sowie zum Seinsverhältnis des Menschen. Die darin liegende Entwicklungstendenz von Geist und Freiheit ist außerdem in diese Betrachtungen einzubeziehen – wodurch sich unter anderem ein Spannungsverhältnis zum Philosophen Ernst Bloch (Prinzip der Hoffnung) und seinem Utopie-Gedanken ergibt (vgl. ebd. S. XXVIII–XXIX).

Günther Anders hingegen wählt in seiner Philosophie die „Methode der Übertreibung“ (Nordmann, 2008, S. 19 und vgl. Anders, 2018a, S. 27f., 31–33). Anders, ein nonmetaphysischer Phänomenologe, hält

„dem herrschenden Bewußtsein des technologischen Zeitalters insgesamt praktischen Nihilismus und »Apokalypse-Blindheit« vor: Blindheit unseres Vorstellungsvermögens, Taubheit unseres Gewissens, Unfähigkeit zur Selbsteinholung in dem überwältigenden Universum der technischen Dinge“ (Jonas, 2015, S. XXVI)

vor. Diese Kritik Anders‘ ähnelt der Kritik Jonas‘ an der „»utopische[n]« Dynamik technischen Fortschritts“ (ebd. S. 57). Er beschreibt, dass Menschen schon allein durch den „Konsumzwang[…]“ (Anders, 2018a, S. 14) nicht frei seien – wir leiden an einem Phantomkonsum, hervorgerufen durch eine „Ikonomanie“ (ebd. S. 16), also dem Bedürfnis des (schaffenden) Subjekts, sich an Herstellungen (technischen Neuerungen) zu klammern. Zusammenfassend stellt er fest, dass das Problem mit der Technik nunmehr kein Problem mit der Herstellung, sondern zu einem Problem mit dem (End-)Produkt selbst geworden ist (vgl. ebd. S. 17–19). Ihn beschäftigt nicht, was Menschen mit der Technik machen, „sondern was die Technik aus uns gemacht hat, macht und machen wird, noch ehe wir irgendetwas aus ihr machen können“ (ebd. S. 20). Dadurch lassen sich Parallelen zur Prometheus-Utopie Hans Jonas‘ (siehe oben: der Technik mächtig, aber moralisch überfordert) erkennen. In dem Sinne spricht Anders von einer „Metamorphose[…] der Seele“ (ebd. S. 28). Die Metamorphose der Seele bedeutet, dass nicht nur unsere Umwelt sich durch Technik verändert, sondern auch der Mensch sich durch diese – insbesondere in seinem innerem Erleben, also moralisch und emotional – verändert. Der ständig wachsende Abstand der Verbundenheit des Menschen und ‚seiner‘ Produkte wird von ihm als „prometheische[s] Gefälle“ (ebd. S. 29) benannt – welches durch die Diskrepanz von technischen Möglichkeiten und moralischer Verantwortung des Menschen deutlich wird (und welches sich auch als Gefälle des Produktionsverhältnisses bei Marx zeigt). Die Aushebung „der Grenzen seiner Vermögen“ (ebd. S. 30) – die Überschreitungen des dem Menschen möglichen – scheint dabei die oberste Frage der Menschen zu sein.

Anders beschreibt ein modernes Schamgefühl, welches durch die hohe Qualität der selbsterzeugten Dinge entsteht, da diese eine bessere Qualität haben als man selbst und besser funktionieren als man selbst (vgl. ebd. S. 37). Diese Scham paart sich für Anders mit einer „Apokalypse-Blindheit“ (ebd. S. 265), die für ihn die Unfähigkeit beschreibt, ein in Technologie eingebettetes Ende menschlicher Existenz zu begreifen. Auch wenn Anders dies mit Bezug auf die Entwicklung und den Einsatz der Atombombe formuliert, bezieht sich die Apokalypse-Blindheit auch auf unsere Gegenwart: zwar haben wir in manchen Feldern (Nutzung der Atombombe) unsere Apokalypse-Blindheit in Teilen ablegen können, doch besteht sie auch noch weiterhin in anderen Bereichen, wie etwa in Bezug auf die Klimakrise. Daher fordert Anders dazu auf, das Verhältnis von Mensch und Maschine oder besser Hersteller und Hergestelltem oder Produzent und Produkt neu gedacht und thematisiert werden muss (vgl. ebd. S. 307–309). Durch unseren Gebrauch der Dinge sind wir, nach Anders, dazu verpflichtet, unser Handeln und Begriffe wie Täter, Tat und Effekt neu zu denken, denn jeder „hat diejenigen Prinzipien, die das Ding hat, das er hat“ (ebd. S. 329) – ein Gedanke, der sich auch in Jonas‘ Zweck-Mittel-Verschiebung finden lässt. Die bestehenden (und in den letzten Jahrzehnten veränderten) Verhältnisse müssen neu gedacht werden – denn durch den Fortschritt hat sich unser Bewusstsein stark verändert; auch unsere Moral, was eine Neuschaffung ethischer Grundlagen zur Folge hat. Die „Menschen als Individuen als auch die Menschheit als Ganze“ (Anders, 2018b, S. 9) hat sich durch den Fortschritt, durch die Technik, stark geändert.

Aus beiden Philosophien lässt sich festhalten, dass man eine Zweck-Mittel-Verschiebung beobachten kann. Technik an sich hat einen ‚unschuldigen Zweck‘, welcher durch das in ihr liegende Potential durch den Menschen überschritten und missbraucht wird.

3. Neuere Positionen der Technikphilosophie: Ambivalente Perspektive nach Haraway und Latour

In A Cyborg Manifesto rückt Donna Haraway die Koexistenz und (soziale) Verantwortung statt des Herrschens und Unterwerfens in den Fokus technikbezogener Kritik. Am Beispiel des Cyborgs erfolgt eine Neuverhandlung von Identitäten, indem anhand des Mischwesens aus Maschine und Mensch dargestellt wird, inwiefern Technik immer größere Teile unseres Lebens beeinflusst. Sie verdeutlicht, dass wir uns nicht mehr aus diesen Verhältnissen flüchten können und einen Weg finden müssen, mit diesen neuen Bedingungen umzugehen (vgl. Pohl, 2018, S. 9–11) und diese in unsere soziale Wirklichkeit zu integrieren. Durch das Beispiel lässt sich, im Kontrast zu Jonas und Anders, Technik nicht mehr als ein Äußeres begreifen, welches der Menschheit helfend oder bedrohend gegenüber steht. Haraway gibt mit ihrem Werk insbesondere intersektionelle Anschlussmöglichkeiten für die Aushandlung des Mensch-Technik-Verständnisses (vgl. ebd. S. 14) und diskutiert basale Gegebenheiten und Möglichkeiten für die Aushandlung moralischer Grundlagen für eine neue (mehr-als-nur-menschliche) Gesellschaft (vgl. ebd. S. 24). Die intersektionellen Anschlussmöglichkeiten ergeben sich durch Haraways verschränkte Betrachtung von Mensch und Technik in Verbindung mit beispielsweise Macht-, Körper- und Identitätsordnungen, wodurch sie sich später auch mit der von Latour angestrebten Neudefinition des ‚Sozialen‘ verknüpfen lässt.

Auch Bruno Latour strebt in seinem Werk Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft eine Neudefinition für den Begriff ‚sozial‘ an, womit er die Zielsetzung der Soziologie um die technische Dimension erweitert wissen will (vgl. Latour, 2019, S. 9f.), wodurch sich ebenso Überlegungen zum Zusammen-‚leben‘ von Mensch und Maschine ableiten lassen. Vor diesem Hintergrund stellt unter anderem die von ihm entwickelte Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) eine begrifflich-methodische Darstellungsmöglichkeit dar, die insbesondere im Feld der Science and Technology Studies Anklang findet (vgl. ebd. S. 24). Die ANT bewegt den Fokus weg von festen Subjekt-Objekt-Beziehungen hin zu dynamischen Netzwerken, in denen alle Akteur*innen – menschliche wie nicht-menschliche – durch ihre Interaktionen soziale Prozesse bewirken. Damit ermöglicht sie vor allem zu erfassen, wie eine Handlung entsteht (durch ein Netzwerk von Akteur*innen; durch Menschen und Dinge), wodurch sie sich von den Menschen fokussierenden Sozialtheorien unterscheidet (vgl. ebd. S. 244–271). Bezogen auf Technik bedeutet das, dass die beiden Fragen von Anders – was machen Menschen mit Technik und was macht Technik mit Menschen – nicht getrennt, sondern als dynamischer Prozess netzwerkhafter Strukturen begriffen werden können. Infolgedessen wird eine Definition des Begriffes ‚sozial‘ notwendig, welcher jedoch aufgrund der vielfältigen Verflechtungen überaus schwer zu fassen ist und wodurch sich weitere Fragen – beispielsweise nach dem ‚Kollektiv‘ – auftun (vgl. ebd. S. 275–285).

Haraway und Latour gleichen sich dahingehend, dass sie bestehende Hierarchien auflösen und neu denken wollen. In beiden Philosophien besteht die Wirklichkeit aus einer Verbindung verschiedener Wesen bzw. Akteur*innen und nicht-menschlichen Akteur*innen. ‚Technik‘ ist in beiden Fällen eine Akteurin in diesem Netzwerk wodurch unser Verständnis von Verantwortung neugestaltet werden muss. Haraway geht bei ihrem Vorhaben dabei eher normativ vor, Latour deskriptiv; zudem legt sie eher einen Fokus auf Körper und Identität, Latour hingegen eher auf Handlung (beziehungsweise die Verknüpfung dieser) – dadurch erhält Technik im Sinne Haraways eine Funktion als identitätsbildendes Hilfsmittel des Menschen, im Sinne Latours eher als Mittel zur (Handlungs-)Macht.

4. Technikfolgenabschätzung und Technikphilosophie

Armin Grunwald macht in seiner Philosophie auf „Probleme mit Technik und Technisierung zwischen Wirtschaft, Öffentlichkeit und Politik“ (Grunwald, 2010, S. 19) aufmerksam. Mit Technik wurde (beginnend ab Ende des zweiten Weltkrieges) ein Fortschrittsoptimismus verbunden – Technik macht uns das Leben leichter und nimmt uns schwere körperliche (und mittlerweile auch geistige) Aufgaben ab (vgl. ebd. S. 21). Neben diesen Vorteilen hat Technik jedoch auch gewisse Schattenseiten, so Grunwald, denn zunächst Stand der Aufwand der Herstellung der Technik in keinem guten Verhältnis zu deren tatsächlichen Nutzen (vgl. ebd. S. 23) und es wurde „angenommen, dass der technische Fortschritt selbst der Schlüssel zur Lösung aller Technikfolgenprobleme sei“ (ebd. S. 24). Die Probleme, die Technik mit sich bringt, sind vielseitig und komplex, wie anhand von Anders und Jonas bereits dargestellt wird und reichen von den Auswirkungen auf die Umwelt bis zur unerwünschten Nutzung (ebd. S. 25, 34ff.). Technik existiert nach Grunwald folglich in Spannungsfeldern, welche sich durch diverse „Orientierungsprobleme und Fragen“ (ebd. S. 41) zeigen. Durch diese Differenzen entstand schließlich der Begriff der ‚Technikfolgenabschätzung‘, „als wissenschaftliche[r] Ansatz, um Gesellschaft und Politik in der Bewältigung dieser Spannungen durch Folgenreflexion in Bezug auf weiteren technischen Fortschritt zu unterstützen“ (ebd. S. 65f.) und bezieht dabei verschiedenste Einflüsse und andere Faktoren in ihre Betrachtungen mit ein. Grunwald betont, dass eine „Theorie der Technikfolgenabschätzung […] bislang nicht vor[liegt]“ (ebd. S. 273) und auch eher selten mit dem Theoriebegriff in Verbindung gebracht wird (vgl. ebd. S. 273).

5. Abschlussbetrachtung

Die hier (kurz) betrachteten Perspektiven zeigen deutlich, dass die Frage nach der ‚Technik‘ stets auch eine Frage nach dem Verhältnis ebendieser zum Menschen, der Welt und der Verantwortung ist. Die Ansätze thematisieren ähnliche Problematiken: ethische und existentielle Bedeutung der Technologie, des technologischen Fortschritts und damit einhergehend der technologischen Macht. Anders und Jonas weisen mit ihren Schriften auf unsere Pflicht zur moralischen Verantwortung hin – denn technischer Fortschritt ohne ethische Reflexion führt zur Selbstgefährdung des Menschen. Haraway und Latour setzen Technik in ein Netz von und mit verschiedenen Akteur*innen und erweitern so das Verständnis der notwendigen Verantwortung in diesem Beziehungsnetz. Grunwald konkretisiert anhand der Technikfolgenabschätzung die Notwendigkeit der Verantwortungsübernahme und weist stark auf die negativen Seiten von Technik und dem Verhältnis zu ihrem Nutzen hin.

Trotz der verschiedenen Perspektiven ist der Hauptgedanke klar: Technik sollte nicht ohne kritische Reflexion, gesellschaftliche Aushandlung und ethische Verantwortung bedingungslos genutzt werden, da Technik sonst zu einer Gefahr für uns und den Planeten beziehungsweise dessen Ressourcen wird.